Von der Parisienne und dem Berliner Hipster - Wie Städte Trends interpretieren

Die Fashion-Weeks sind vorbei und in den Metropolen dieser Welt wurden wieder neue Trends gezeigt und gelebt. Die “It-Pieces” gibt es überall, werden jedoch je nach Stadt verschieden kombiniert und die Trends unterschiedlich interpretiert.
Italienische Mode oder französische Mode unterscheidet sich. Hier sieht man die enge Verknüpfung zur Kultur der jeweiligen Stadt oder des jeweiligen Landes.
Die Art, sich zu kleiden und was gesellschaftlich als angemessen oder schön angesehen wird, unterscheidet sich extrem je nach Perspektive des jeweiligen Standorts. Die Art sich zu kleiden, ist Teil unserer Identität. Sie repräsentiert unsere Werte nach außen. Diese Werte sind geprägt durch unsere Familie und unser Umfeld. Dazu zählen Herkunft aber auch unser Standort, bzw. wo wir uns zugehörig fühlen. Diese Einstellung wird in unseren Städten sichtbar.

Schauen wir uns das doch einmal näher an. Unser Nachbar Frankreich ist das Land der Kenner. Qualität und Exquise wird groß geschrieben; egal ob beim Essen oder in der Mode.
Mit dem Bild einer Parisienne, assoziiert man Sexiness, Feminity und zugleich strong. Sie sticht raus, aus der Masse, weil sie ohne aufdringlich zu sein alle Blicke auf sich zieht. Woher kommt das?

Die Pariser stehen für Perfektion. Man kann es nicht leugnen. Sie sind die Experten des Stilbruchs. Und noch dazu wirkt es immer so mühelos. Makeup in Nude-Tönen (das super aufwendig ist, trust me!), sodass alle natürlich schön und makellos aussehen. Reden wir von Klischees wird der natürliche Look mit der Lippenstift-Farbe der Saison kombiniert.
Frankreich ist bekannt für einen spielerischen Stil. Zarte Spitze über einen schlichten BH. Gedeckte Töne mit perfekt inszenierten Farb-highlights. Man liebt es figurbetont und trotzdem dezent. Die französische Mode kann irgendwie alles sein und doch ist so klar.

England, hingegen, als konstitutionelle Monarchie vereinigte schon früh Moderne mit Tradition. Beide Seiten werden in den Straßen Londons sichtbar.

Casual-Chic existiert hier quasi nicht. Man nimmt einen Stil und setzt diesen 100%-ig um. Der Unterschied zwischen Tag und Nacht-Looks, offiziellen und inoffiziellen Anlässen ist so deutlich, wie in keiner anderen Metropole. Das heißt beim After-Work-Drink wird das Büro-Outfit nicht mit ein paar Statement-Ohrringen runtergebrochen. Es reicht auch nicht die Haare jetzt offen zu tragen und so die Strenge aus einem Look zu nehmen. Es wird sich umgezogen. Der Style wird ganz oder gar nicht getragen.
In konservativen Kreisen sieht man Kostüme und Etuikleider in mehr Varianten als man sich vorstellen kann. Gerne mit schwerem, alten und echten Schmuck. Traditionell ist hier die Devise. Männer zeigen gerne den Old-Gentleman-Look. Uhren aus traditionsreichen Häusern (teuer!) gehören selbstverständlich immer dazu.
Abends im Club darf es dann gerne knapp und extrovertiert sein. Die Röcke sind kurz und eng. Im Januar muss dazu noch eine Strumpfhose getragen werden, das ist dann aber maximal eine Netzstrumpfhose. Das Make-up ist oft überladen. Der Nude-Trend findet in den Abendlokalen der Stadt keinen Anklang. In London beginnt der Abend sehr früh und so sind schwarze Glitzerkleidchen schon um sieben Uhr überall in der Stadt unterwegs. Die Mode in London ist so unterschiedlich wie Tag und Nacht und eine Vermischung der Stile ist noch lange nicht in Sicht.


In Italien versteht jeder, was der Lifestyle ‘La dolce Vita’ bedeutet. Hier liegt der Fokus auf der Lebensfreude und der weltweit bekannten Qualität in Design und Handwerk. Seit dem Mittelalter war Italien ein Ort der Inspiration für so manchen Künstler. Wandern wir durch Mailand erkennen wir, dass hier viel mehr Männer Anzüge tragen, als in jeder anderen Stadt Europas. Nicht in langweilig und grau. Sie sind super stylisch und werden selten mehrere Jahre getragen. Armani verkörpert den Mailänder Stil so gut, wie kaum ein anderer Designer. Es wird viel mit gedeckten Farben und zarten Mustern gearbeitet. Das Besondere liegt im Detail, das nicht immer im ersten Moment sichtbar ist.
Bei Frauen sieht es ähnlich aus: Gedeckte Farben, gerne mono-colored. Dazu dezente Accessoires. Weniger Kontrast, dafür mehr Bewegung innerhalb einer Farbpalette. So werden beispielsweise verschiedene Grau-Töne miteinander kombiniert. In Mailand gilt: ein Statement-Piece und der Rest wird darum arrangiert. Der Fokus liegt heute auf der Jacke: Dann werden Hose, Schuhe und Hut so gewählt, dass sie nicht ablenken. Sie sind alle so ausgesucht, dass sie die Jacke unterstützen und umrahmen.
Eine Besonderheit, die man sonst nirgendwo mehr beobachtet: Heels sind aus Mailand nicht wegzudenken. Entgegen des Sneaker-Hypes bleibt Mailand bei den heißgeliebten Absätzen. Mode hat hier nichts mit Komfort zu tun. Es geht um Stilgefühl und Ästhetik. Insgesamt sind Trends eher klassisch und ruhig interpretiert.

Deutschland ist im Gegensatz so gar nicht für sein Stilgefühl bekannt. Auch wenn so manch tolles Design aus Deutschland kommt, hat es keinen prägnanten Stil. Doch die Hauptstadt Berlin ist für die Modewelt enorm wichtig (wir ignorieren an dieser Stelle den Umzug der Fashion Week nach Frankfurt am Main). Berlin spiegelt aber in keinem Fall die deutsche Gesellschaft wider. Berlin war immer ein Ort für Andersdenkende. Berlin hat sich definitiv nicht der Ästhetik verschrieben, jedoch ist Berlin polarisierend für das andere. Innovation und progressive Denkweise, auch in der Mode. Berlin ist einfach mega cool und selbstbewusst, vielleicht auch ein bisschen trotzig. Shabby und Used, Urban, Bold, Cheap….alles Wörter die den Berliner Style beschreiben. Auf jeden Fall immer over the top. Es ist unwichtig, welchen Trend man umsetzt: Hauptsache man lebt ihn! Die Mode in Berlin ist provokant, sie stellt sich gegen alles Etablierte (und das indem der Vintage und Secondhand-stil genutzt wird) und kreiert so fast eine ‘Anti-Mode’.
Somit sticht Berlin am stärksten aus Europa heraus. Auch wenn die anderen Städte sich anhand ihrer Garderobe unterscheiden lassen, unterscheidet sich Berlin deutlich stärker.
Zumindest im Osten. Am Kurfürstendamm tummelt sich Pelz. An nur einer Passantin überstrahlt ein Marken-Logo das anderen. Over the Top - in allen Facetten, ganz wie Berlin’s Geschichte. Gespalten, bipolar, und einfach anders.

Wenn Du das nächste mal in einer Modestadt bist, setze dich in ein Café und beobachte die Menschen um dich herum. Du wirst schnell einen roten Faden erkennen und sehen wer wirklich Pariser ist und wer es gerne wäre.

Mode hat einen kulturellen und psychologischen Stellenwert. Mehr dazu werden wir in den kommenden Beiträgen aus unterschiedlichen Blickwinkeln unter die Lupe nehmen.