Vegetabil gegerbtes Leder - bitte was?

Achtung Trigger-Warnung: Wir bewegen uns mit diesem Artikel in einer der dreckigsten und umweltschädlichsten Bereichen der Branche. Wir sprechen von und über Leder. Die lederverarbeitende Industrie ist noch umweltschädigender als die Textilbranche. Okay, diese Aussage sollte etwas differenzierter betrachtet werden. Als kleiner Einstieg in die Problematik ist der folgende Beitrag gedacht.

Um ein ganzheitliches Bild abzugeben, betrachten wir zuerst die grundsätzlichen Alternativen zu Lederprodukten. Anschließend zeigen wir euch die bedeutenden Unterschiede zwischen pflanzlich und Chrom-gegerbten Leder. Dann wirst Du erkennen, worauf Du beim nächsten Lederkauf achten solltest. So kannst Du einen Teil dazu beitragen, dass wir hoffentlich eines Tages die obige Trigger-Warnung löschen können.

 

Im Bereich der Lederherstellung sind die negativen Auswirkungen auf die Umwelt schon viele Jahre bekannt.

Aber warum ist Leder immer noch so beliebt, weiß man doch, dass die Ökobilanz der Tierhaltung und der Wasserverbrauch schockierend schlecht sind. Die Problematik besteht darin, dassdie Alternativen, sprich Kunststoff und synthetische Textilien, noch schlechter für die Umwelt verträglich sind. Diese sind Erdöl basiert und ökologisch nicht abbaubar. Außerdem ist der Qualitätsunterschied enorm. Diesen Unterschied kannst Du sehen und auch fühlen. Dieses Gefühl ist einer der Gründe für die besondere Beliebtheit von Leder. Das sind zwar subjektive Ansprüche und Vorlieben, aber Leder hält auch deutlich längerals seine synthetischen Konkurrenten.

Aus diesen Gründen, also

Bessere Qualität & Langlebigkeit
Im Verhältnis weniger umweltschädlich
Haptische und visuelle Vorteile

entschieden wir uns dazu mit Leder zu arbeiten.  

Jedoch reicht es nicht, im Vergleich zu synthetischen Materialien besser dar zu stehen. Darum folgt hier eine kurze Analyse und Unterscheidung des pflanzlich und chromgegerbten Leder.  

Die Chromgerbung hat aktuell den größten Anteil der gängigen Verfahren in der Lederindustrie. Im Vergleich zur pflanzlichen Gerbung bietet das Verfahren für den Hersteller und für den Endkonsumenten einige Vorteil. Das Verfahren ist deutlich schneller, da es nur wenige Tage in Anspruch nimmt. Zudem weist chromgegerbtes Leder eine höhere Reißfestigkeit auf und ist dabei deutlich leichter. Dementsprechend lässt es sich einfacher und schneller transportieren und lagern. Und das führt zu enormen Kostenersparnissen.

 

Warum sollte man auf vegetabil gegerbtes Leder umsteigen?

Die Metalle und Chemikalien, die für die nicht-pflanzliche Gerbung genutzt werden, sind zwar meist ungefährlich für den Träger der Lederware (Insofern sich die Gerber an die Richtlinien halten). Die Arbeiter in der Gerbereien atmen jedochden anfallenden Staub während der Produktion in gesundheitsschädlichen Mengen ein. Das kann zu Bronchitis, Asthma, Allergien und Lungenkrebs führen. Besonders betroffen sind hiervon die Mitarbeiter von Gerbereien in Asien, in denen die Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen sehr geringsind, so dass dort für die Mitarbeiter das reale Risiko einer Gesundheitsschädigung groß ist.

Auch die Umwelt leidet unter der Chromgerbung. Die Schwermetalle sickern in den Boden und gelangen so ins Grundwasser. In einer geringen Dosis wäre dies noch kein Grund zur Sorge, doch die beständige hohe Ledernachfrage führt zu sehr kritischen Werten in diesen Regionen.

Die Kritik wird auch lauter, betrachtet man die Entsorgung. Es fallen massive Überbestände und Verschnitt an, die aufgrund der Metalle nicht ökologisch abbaubar sind - ähnlich wie in der Textilbranche.

Die Hauptlieferanten der benötigten Metalle sind Südafrika, Indien, Kasachstan, Türkei und Russland. Gegerbt wird hauptsächlich in Asien. Anschließend werden die fertigen Produkte weltweit verschifft. Diese Wertschöpfungskette hat einen riesigen ökologischen Fußabdruck mit einem unnötig hohen CO2-Ausst.

Die umweltfreundlichere Alternative zu all dem, ist das bereits mehrfach erwähnte pflanzlich, bzw. vegetabil gegerbte Leder. Man nennt es auch altgegerbtes Leder, da bereits bei Ötzi im Eis auf diese Weise bearbeitetes Leder gefunden wurde.

Für die Gerbung werden hier keinerlei Metalle oder Chemikalien genutzt. Aus Rinde oder inzwischen auch Rhabarberwurzeln wird das sogenannte Loh gekratzt, welches dann Wassergruben hinzugefügt wird. Die in der Rinde enthaltenen Termine sorgen dafür, dass die Haut sich in Leder verwandelt. Fressfeinde werden dank ihnen ferngehalten und das Leder wird stabiler. Hierbei wird die Haut immer wieder in verschiedene mit Wasser gefüllte Gruben getaucht, so dass die Gerbstoffkonzentration Schritt für Schritt erhöht werden kann. Anschließend landet das Leder im Versenk. Dieses Depot ist dauerhaft mit Gerbbrüche gefüllt und macht das Material langfristig stabiler.

Man kann es schon erahnen: Dieser Prozess dauert über 20 Monate. Nochmal als Erinnerung: Die Chromgerbung benötigt nur ein paar Tage. Für viele Hersteller ist der Zeit- und Kostenaufwand angeblich nicht tragbar. Außerdem wird die Chromgerbung oft mit dem enormen Wasserverbrauch der vegetabilen Gerbung gerechtfertigt. Sprich, dass diese ja auch nicht besser sei. Der Wasserverbrauch darf selbstverständlich nicht ignoriert werden. Auch die Reinigung des verwendeten Wassers ist sehr aufwändig. Doch es besteht ein Unterschied zwischen einem hohen Wasserverbrauch und Wasser- und Umweltverschmutzung. Außerdem handelt es sich bei pflanzlich gegerbtem Leder um ein rein ökologisches Produkt. Somit ist das Leder selbst einfacher und schneller abbaubar.

Einige argumentieren auch, dass die Rohstoffe nicht ausreichen würden, um den gesamten Lederbedarf zu decken. Das stimmt so nicht. Aufgrund der Vielzahl an Pflanzen, die genutzt werden können, ist es durchaus möglich flächendeckend auf vegetabil gegerbtes Leder umzusteigen.

Während der Großteil an Chromgegerbtem Leder aus Asien stammt, findet man die meisten pflanzlichen Gerbereien in Europa. Aufgrund des Know-How’s - die traditionsreiche Kunst des vegetabilen Gerbens ist auf anderen Kontinenten kaum bekannt. Somit werden auch die CO2-Emissionen stark reduziert. Hierbei sollte natürlich auch darauf geachtet werden, dass die Tierhäute regional bezogen werden.

Auch wenn im Bereich vegetabil gegerbtes Leder noch so manches optimiert werden kann, ist es im Vergleich entschieden umweltfreundlicher.

Die Kosten sind zwar deutlich höher und das Material ist empfindlicher. Wir sind aber der Meinung: It‘s worth it. Materialien und Prozesse haben einen Preis und dieser sollte fair sein. Und wenn man sich um seine Lieblingslederstücke kümmert und sie pflegt, halten sie nicht nur genauso lange, sondern sie entwickeln auch mit der Zeit einen viel charmanteren, individuellen Charakter. So ist wirklich jedes Stück Leder einzigartig und kann guten Gewissens gekauft und dann ganz lange getragen werden.

 

Ein kleiner Tipp: Die Begrifflichkeiten sind innerhalb der Lederindustrie meist nicht geschützt. Entsprechend können pflanzliche Gerbungen mit Gerbungen mit chemischer Hilfe kombiniert werden. Somit kann auch „pflanzliches Leder“ Metalle enthalten oder im Prozess mit Chemikalien in Kontakt kommen. Um sicher zu gehen, solltest Du darauf achten, dass das Leder mit FOC (Free of Chrom) gekennzeichnet ist.


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